Carolin Siech (Foto: Amac Garbe)

»Wir müssen den Arztberuf neu denken, mit dem Patienten im Mittelpunkt.«

Carolin Siech im Interview mit Dr. Next

Das Studierendenhaus am Universitätsklinikum in Frankfurt am Main ist leer, als wir Carolin Siech dort treffen. Normalerweise ist hier viel los, erzählt die Pressesprecherin der Bundesvertretung der Medizinstudierenden. Jetzt sind Semesterferien, und trotzdem können wir spüren, das sich hier eine kleine studentische Oase im Herzen der Hochleistungsmedizin befindet: Ein Ort, an dem Ärzte von morgen gemeinsam lernen, lachen und diskutieren – ganz sicher auch über den Arztberuf der Zukunft.

Interview: Anja Bittner
Fotos: Amac Garbe
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Dr. Next: Welche Fähigkeiten und Kompetenzen braucht ein Arzt heute, um ein guter Arzt zu sein?

Carolin Siech (Foto: Amac Garbe)

Carolin Siech studiert im achten Semester Humanmedizin an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Schon seit Beginn ihres Studiums engagiert sie sich berufspolitisch in der Bundesvertretung der Medizinstudierenden Deutschlands, deren Pressesprecherin sie nun ist.

Siech: Er muss sich zum einen auf Patienten einlassen und an deren Bedürfnissen orientieren können. Zum anderen braucht er theoretisches Wissen und darauf basierend praktische Fähigkeiten, um spontan und reflektiert handeln zu können.

Dr. Next: Wie werden sich die erforderlichen Kompetenzen durch Digitalisierung und eine neue Art der Arzt-Patient-Kommunikation verändern?

Siech: Wir brauchen nicht nur eine Weiterentwicklung der Kompetenzen, sondern einen Kulturwandel in der Ärzteschaft. Bestehende Hierarchien sollten überdacht werden, Barrieren zwischen den medizinischen Berufsgruppen gehören abgebaut. Wir müssen den Arztberuf neu denken, mit dem Patienten im Mittelpunkt. Digitalisierung darf in diesem Zusammenhang nicht Selbstzweck sein, sondern muss eine Orientierung an den Bedürfnissen der Patienten erlauben – beispielsweise mehr Zeit für Gespräche schaffen.

Carolin Siech

Durch mehr Transparenz können unnötige Doppeluntersuchungen vermieden werden.

Dr. Next: Ist Digitalisierung also eine Chance, oder auch ein Risiko für die Beziehung zwischen Arzt und Patient?

Siech: Sie ist eine Chance. Sie kann eine räumlich und zeitlich flexiblere Arbeit ermöglichen und auch einen Beitrag zur medizinischen Versorgung in ländlichen Regionen leisten. Durch mehr Transparenz können auch unnötige Doppeluntersuchungen vermieden werden. Natürlich muss die immer präsente Diskussion zu Datenschutz und Datensicherheit geführt werden. Aber das darf uns nicht davon abhalten weiterzudenken und den Forschritt als Studierende und Ärzteschaft mitzugestalten. Sonst gestalten am Ende die großen Konzerne.

Dr. Next: Wie sollten Ärzte diesen Fortschritt am besten gestalten?

Siech: Sie müssen sich überlegen, wie man Technologie zum Wohl des Patienten einsetzen kann. Und beispielsweise nicht, wie man mit ihr möglichst viel Gewinn einfährt.

Dr. Next: Beschäftigen sich Ärzte und Studierende ausreichend mit der Digitalisierung der Medizin?

Siech: Ein Thema ist das schon seit einigen Jahren, allerdings hat sich die Diskussion lange im Kreis gedreht – mit den Risiken im Fokus. Ich glaube, beim vergangenen Deutschen Ärztetag ein verändertes Bewusstsein gespürt zu haben. Digitalisierung wurde dort mit einer großen Ernsthaftigkeit diskutiert, und es ging endlich auch um Chancen und Vorteile.

Dr. Next: Ist nach der Theorie Schluss, oder spüren Sie bereits praktische Auswirkungen auf das Medizinstudium?

Siech: Man sieht an der Uniklinik weniger Menschen mit dicken Patientenakten über die Stationsflure laufen. Dennoch werden immer noch Röntgenbilder mit dem Taxi von Praxen in die Kliniken gefahren. Am Ziel sind wir wohl noch nicht.

Carolin Siech

Ich hoffe, dass mein Beruf mir später Freiräume gibt; für Familie, aber auch für Wissenschaft und Engagement außerhalb der Medizin.

Dr. Next: Dann blicken wir einfach mal 20 Jahre nach vorne – wie wird Ihr künftiger Berufsalltag voraussichtlich aussehen?

Siech: Leichter gesagt ist, wie ich mir meinen Alltag dann nicht vorstellen kann, nämlich an der Klinik im Schichtdienst und rund um die Uhr verfügbar. Ich hoffe, dass mein Beruf mir später Freiräume gibt; für Familie, aber auch für Wissenschaft und Engagement außerhalb der Medizin.

Dr. Next: Das sind Rahmenbedingungen, die sich wohl viele junge Ärzte wünschen. Wie wollen Sie das für sich persönlich erreichen?

Siech: Indem ich meinen Arbeitsplatz sehr bewusst auswähle, beispielsweise als Angestellte im ambulanten Sektor. Dort ist die Planungssicherheit momentan am größten. In der Tat wollen viele junge Mediziner genau das, daher muss die Veränderung von Rahmenbedingungen auch stärker diskutiert werden – in Kliniken, aber auch in der Politik. Je mehr Ärzte sich für eine nicht-selbstständige Tätigkeit fernab vom eng getakteten Klinikalltag entscheiden, desto dringlicher wird diese Diskussion.

Dr. Next: Provoziert die nächste Ärztegeneration durch diese Ansprüche einen Kulturwandel?

Siech: Ein Kulturwandel erfolgt Schritt für Schritt und bedarf den Einsatz vieler Menschen, die die Strukturen neu denken und innovative Lösungen finden.

Carolin Siech im Gespräch mit Anja Bittner (Foto: Amac Garbe)

Carolin Siech im Gespräch mit Anja Bittner

Dr. Next: Die Zahlen zeigen, dass es immer mehr Mediziner weg von der Selbstständigkeit treibt. Brauchen Ärzte ihre Freiberuflichkeit noch?

Siech: Eine zunehmende Zahl von angestellten Ärzten birgt durchaus die Gefahr einer stärkeren Ökonomisierung der Medizin. Unter anderem deshalb wird die Freiberuflichkeit auch vehement verteidigt. Und zu Freiberuflichkeit und ärztlicher Selbstverwaltung gehören ja neben der selbstständigen Niederlassung viele weitere Privilegien, zum Beispiel die Ausgestaltung der Rahmenbedingungen für die ärztliche Fort- und Weiterbildung.

Carolin Siech

Das hohe Maß, mit dem die Allgemeinmedizin aktuell in die medizinische Ausbildung gedrückt wird, führt eher zu einer Abwehrhaltung und Zurückhaltung bei den Studierenden.

Dr. Next: Welches Image hat die Allgemeinmedizin aus studentischer Sicht?

Siech: Nach meiner Famulatur in der Hausarztpraxis muss ich feststellen, dass das Fach spannender ist als sein Ruf. Allerdings konnte ich mir lange nicht vorstellen, allgemeinmedizinisch tätig zu werden. Das hohe Maß, mit dem die Allgemeinmedizin aktuell in die medizinische Ausbildung gedrückt wird führt eher zu einer Abwehrhaltung und Zurückhaltung bei den Studierenden.

Dr. Next: Was sollten angehende Ärzte im Studium lernen, um zukünftig ihren Beruf gut ausüben zu können?

Siech: Wenn der Patient im Mittelpunkt der Versorgung stehen soll, müssen sich auch die Lehrinhalte daran ausrichten. Kurse zur Gesprächsführung spielen also eine wichtige Rolle. Aber auch das Erlernen der Fähigkeit, Wissen weiterzugeben – an Patienten, und an Kollegen. Darüber hinaus sollten Medizinstudierende auch lernen, wie man Institutionen und sich selbst strukturiert und wie man mit neuen Technologien umgeht.

Dr. Next: Was ist mit medizinischem Fachwissen?

Siech: Ohne Fachwissen kann man keine adäquaten Entscheidungen treffen, also darf es natürlich nicht in den Hintergrund geraten. Praktische und kommunikative Fertigkeiten, die Studierende in strukturierten klinischen Prüfungen unter Beweis stellen müssen, sind aber eine richtige und wesentliche Erweiterung des theoretischen Wissens.

Dr. Next: Überfordert es die Studierenden nicht, wenn ihnen zusätzlich zum bestehenden hohen Lernumfang noch mehr abverlangt wird?

Siech: Am Ende des Studiums braucht jeder ein Basislevel an theoretischem Wissen. Es ist aber nicht notwendig, dass alle Ärzte beim Berufseinstieg Spezialwissen aus allen Fachgebieten haben. Man sollte im Studium daher eine Fokussierung auf ein Kerncurriculum anstreben und bereits früh eine Neigungsorientierung erlauben.

Dr. Next: Und nicht erst mit Beginn der Facharztausbildung, wie es momentan der Fall ist?

Siech: Genau. Am Ende des Studiums steht aktuell eine einheitliche Prüfung, die sehr spezialisiertes Wissen abfragt. Nicht jeder Absolvent braucht aber Spezialwissen in allen Fachbereichen.

Dr. Next: Digitale Assistenzsysteme könnten Ärzten zukünftig die Diagnostik erleichtern und evidenzbasierte Therapievorschläge unterbreiten. Wird auch deshalb zukünftig weniger Fachwissen erforderlich sein?

Siech: Für mich ist das momentan noch schwer vorstellbar und angsteinflößend, dass ein Algorithmus darüber entscheidet, welche Therapie die richtige ist. Denn bei Diagnostik und Therapieentscheidungen spielt das Zwischenmenschliche eine große Rolle.

Dr. Next: Lassen Sie uns über etwas sprechen, für das Sie sich berufsbegleitend Freiraum wünschen: die Wissenschaft. Wie wichtig ist das wissenschaftliche Arbeiten für die medizinische Ausbildung und den späteren Beruf?

Siech: Um später Studien und die Entwicklung der Medizin verstehen und interpretieren zu können, braucht jeder Mediziner Wissenschafts-Kenntnisse; das ist Teil des Arztberufs. Wer aber heute nicht auf eigene Initiative hin eine Doktorarbeit beginnt oder sich freiwillig Promotionskollegs anschließt, bekommt im Studium kaum etwas von Wissenschaft mit. Das Thema muss also eine stärkere Rolle spielen.

Dr. Next: Machen Sie eine Doktorarbeit?

Siech: Ja, ich stehe im Labor und mache eine experimentelle Arbeit. Wenn man später nicht im Labor arbeiten will, ist das die beste Chance, mal eins von innen zu sehen. Mir persönlich ist es wichtig, diese Erfahrung mitzunehmen, meine Kompetenzen so zu erweitern und später mit einer anderen Perspektive auf Studien und Publikationen schauen zu können.

Carolin Siech

Ich wünsche mir, dass Ärzte gesellschaftliche Verantwortung übernehmen.

Dr. Next: Was wünschen Sie sich für den Arztberuf der Zukunft?

Siech: Ich wünsche mir, dass Ärzte gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Dass Sie eine Rolle einnehmen, in der sie neben der Diagnostik und Therapie auch aufklären und Prävention fördern, Patienten beraten und ihnen dabei helfen, aus der Flut an Informationen die richtigen und wichtigen herauszufiltern.

Dr. med. Anja Bittner ist Geschäfsführerin der Dr. Next GmbH. Sie hat Humanmedizin studiert und im Gebiet der medizinischen Ausbildungsforschung promoviert. Mehr erfahren…

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