Dr. med. Diane Bitzinger

»Jungen Ärzten fehlt die Kraft, sich neben dem Job politisch zu engagieren.«

Diane Bitzinger im Interview mit Dr. Next

Diane Bitzinger begrüßt uns im Foyer des Uniklinikums Regensburg. Hier arbeitet sie als Anästhesistin, dienstfreie Tage wie heute sind für sie selten. Für unser Gespräch gehen wir in einen Seminarraum, wo bayrische Butterbrezeln für uns vorbereitet sind.

Interview: Anja Bittner
Fotos: Amac Garbe
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Dr. Next: Welche drei Eigenschaften sollte ein Arzt heute unbedingt haben?

Dr. med. Diane Bitzinger (Foto: Amac Garce)

Dr. med. Diane Bitzinger arbeitet als Anästhesistin am Universitätsklinikum Regensburg, aktuell schwerpunktmäßig in der operativen Intensivmedizin. Sie ist Mitinitiatorin des Bündnis JUNGE ÄRZTE und engagiert sich in der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin e. V. 2017 wurde sie mit dem Thieme Teaching Award für ihre Forschung zu ärztlicher Aus-, Fort- und Weiterbildung ausgezeichnet.

Bitzinger: Er muss teamfähig, flexibel und belastbar sein.

Dr. Next: Werden sich die notwendigen Eigenschaften in den nächsten Jahren verändern?

Bitzinger: Ja, mit dem Wandel des Gesundheitssystems geht auch eine Veränderung des Arztberufs einher. Vom Halbgott in Weiß mit engem Patientenkontakt und einer Diagnostik mit all seinen Sinnen hin zu einem – überspitzt gesagt – Schreibtischtäter, der sich mehr und mehr vom Patienten distanzieren muss. Der bürokratische Aufwand nimmt zu, ökonomisches Wissen wird immer wichtiger. Die angebotenen Fortbildungen befassen sich zunehmend mit DRGs und Fallzahlen.

Dr. Next: Es klingt, als würden Sie dieser Entwicklung gerne etwas entgegensetzen.

Bitzinger: Ich habe die Erwartung an Digitalisierung, diese Umstände zu verbessern. Dass sie hilft, den Arbeitsplatz wieder weg vom Schreibtisch hin zum Patienten zu bewegen.

Dr. Next: Wie kann Digitalisierung das leisten?

Bitzinger: Durch eine Optimierung der Arbeitsabläufe, zum Beispiel durch übergreifende elektronische Patientenakten. Käme ein Patient in die Klinik, und hätten wir dann Zugriff auf alle Vordiagnosen und den Medikamentenplan, würde das enorm viel bürokratischen Aufwand ersparen.

Dr. Next: Beschreiben Sie doch mal Ihr Wunschbild: Wie sieht der Arztberuf in 20 Jahren aus?

Bitzinger: Wenn ich an den Arzt der Zukunft denke, sehe ich eine Ärztin – denn der Frauenanteil in der Medizin steigt. Vielleicht hat sie ein Tablet oder Smartphone in der Hand, sodass sie aktuelle Befunde, Laborwerte oder Leitlinien direkt am Patienten abrufen kann. Sie konferiert mit anderen Disziplinen und Experten anderer Einrichtungen. Diese Ärztin hat keine Augenringe und stattdessen Kapazitäten, um auch kreativ zu arbeiten – Zeit für Wissenschaft.

Diane Bitzinger

Wir müssen verstärkt über neue Berufsbilder nachdenken, um Ärzte weniger mit nicht-ärztlichen Aufgaben zu belasten.

Dr. Next: Haben Sie eine Idee, wie dieses Wunschbild Wirklichkeit werden kann?

Bitzinger: Im ärztlichen sowie im pflegerischen Bereich muss das Personal wieder hochgefahren werden, um die Arbeitsbelastung zu reduzieren. Aktuell lassen sich Ausfälle – durch Schwangerschaft oder Krankheit – kaum noch kompensieren. Da werden es schnell mal vier statt zwei Wochenenddienste und zehn statt fünf Nachtdienste pro Monat. Außerdem müssen wir verstärkt über neue Berufsbilder nachdenken, um Ärzte weniger mit nicht-ärztlichen Aufgaben zu belasten.

Dr. Next: Wie könnten diese neuen Berufe ausgestaltet sein?

Bitzinger: Eine große Erleichterung sind zum Beispiel Case Manager, die sich um das Management von stationären Aufnahmen und Entlassungen kümmern. Wenn man einen Patienten in eine weiterbetreuende Einrichtung entlässt, muss man Anträge schreiben, viel telefonieren, vielleicht einen Barthel-Index erheben. Solche Sachen bleiben aktuell an Ärzten hängen, das ginge auch anders.

Dr. Next: Was halten Sie vom Berufsbild des Physician Assistant, das bereits häufig auf Deutschen Ärztetagen zur Diskussion stand?

Bitzinger: Der Aufgabenbereich des Physician Assistant geht in der Tat noch einen Schritt weiter. Diese Leute sollen zum Beispiel Anamnesen erheben und Patienten medizinisch voruntersuchen. Ärzte fragen dann nur noch punktuell nach und haben eine kontrollierende Funktion. Grundsätzlich kann das gut funktionieren.

Dr. Next: Aber?

Bitzinger: Es minimiert den Kontakt zwischen Arzt und Patient. Deshalb ist das Berufsbild auch umstritten – gerade in Hinblick auf die Anamnese. Denn dieser Aspekt ist schon einer, der wesentlich für ein vertrauliches Verhältnis zwischen Arzt und Patient ist. Andererseits: Einige chirurgische Kliniken praktizieren den Einsatz von Physician Assistants, und machen sehr gute Erfahrungen damit.

Dr. Next: Würden Sie persönlich die Anamnese weiterhin lieber selbst durchführen oder an einen Assistenten abgeben?

Bitzinger: Ich würde das gerne selbst machen.

Dr. Next: Das Bündnis JUNGE ÄRZTE, das Sie mit initiiert haben, setzt sich auch für bessere Arbeitsbedingungen ein. Welche Bedingungen streben Sie an?

Bitzinger: Wir wollen sowohl Patientenversorgung als auch Arbeitsbedingungen verbessern. In Hinblick auf Letzteres geht es natürlich auch um den etwas verstaubten Begriff Work-Life-Balance. Wer Arzt wird weiß, dass Nachtschichten und Wochenenddienste dazugehören. Aber die Dienstbelastung darf nicht ins Unermessliche steigen, Überstunden müssen unbedingt erfasst und reduziert werden. In diesem Zusammenhang wollen wir über neue, flexible Arbeitszeitmodelle nachdenken – beispielsweise über kürzere Schichten.

Dr. Next: Also Acht- statt Zwölf-Stunden-Schichtsysteme?

Bitzinger: Richtig. Oder wir müssen Zwölf-Stunden-Schichtsysteme um Teilzeitmodelle ergänzen – damit es auch für Ärzte mit Kindern möglich ist, Arbeit und reguläre Kinderbetreuung unter einen Hut zu bringen. Darüber hinaus kann und muss der Arbeitgeber mit Kinderbetreuungsangeboten unterstützen oder Job-Sharing-Modelle einführen.

Diane Bitzinger

Das Problem ist, dass Kliniken an der Weiterbildung ihrer Assistenzärzte nichts verdienen.

Dr. Next: Sie haben kürzlich Ihre Facharztprüfung zur Anästhesistin abgeschlossen. Sind Sie gut vorbereitet auf das Leben als Fachärztin?

Bitzinger: Ja, das bin ich. Allerdings ist die ärztliche Weiterbildung weiterhin eine große Baustelle, hier besteht dringender Handlungsbedarf. Das Problem ist, dass Kliniken an der Weiterbildung ihrer Assistenzärzte nichts verdienen. Ganz im Gegenteil: Es kostet Material, Personal und damit auch Zeit, einem Assistenten beispielsweise die Anlage eines zentralen Venenkatheters beizubringen. In einigen Kliniken stellt man daher fast nur noch Fachärzte ein.

Dr. Next: Wie sieht denn eine optimierte ärztliche Weiterbildung aus?

Bitzinger: In erster Linie ist eine Weiterbildung dann gut, wenn sie strukturiert ist. In der Anästhesie heißt das: Wir lernen wichtige Fähigkeiten wie Atemwegsmanagement bei Operationen, in denen Patienten wenige Grunderkrankungen haben – zum Beispiel in der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. Dann geht es in die Unfallchirurgie, um speziellere Anästhesie-Methoden zu lernen. Dort sind die Menschen bereits etwas kränker. Es geht darum, Fertigkeiten Schritt für Schritt aufeinander aufzubauen. Und damit ich mich als Assistent vorbereiten kann, braucht es verlässliche Rotationspläne.

Anja Bittner im Gespräch mit Diane Bitzinger (Foto: Amac Garce)

Anja Bittner im Gespräch mit Diane Bitzinger

Dr. Next: Fühlen sich junge Ärzte an der Klinik wertgeschätzt?

Bitzinger: Mediziner machen die meisten Fortbildungen am Wochenende in ihrer Freizeit, nehmen dafür Urlaub oder zahlen 2.000 Euro aus eigener Tasche. Fachärzte, Mitte 40, werden in ihrer Kreditwürdigkeit angezweifelt, weil sie der Bank nur einen befristeten Arbeitsvertrag vorlegen können. Kliniken müssen noch intensiv an ihrer Mitarbeiterphilosophie arbeiten, wenn man den Begriff Wertschätzung verwenden will. Natürlich finden Ärzte es auch gut, wenn effektiv und strukturiert gearbeitet wird – insofern hat Ökonomisierung ihre guten Seiten. Aber es geht nur, wenn man die Mitarbeiter mitnimmt. Was das angeht, würde Kliniken ein Blick in die freie Wirtschaft und Industrie guttun.

Diane Bitzinger

Die Ärztekammern müssen transparenter arbeiten und aktiver auf die jungen Ärzte zugehen.

Dr. Next: Warum machen junge Ärzte nicht mehr Druck, um Arbeitsbedingungen und Weiterbildungsqualität zu verbessern?

Bitzinger: Das fragen wir uns auch, deshalb haben wir das Bündnis JUNGE ÄRZTE gegründet. Die Selbstverwaltung der Ärzteschaft findet meist durch die ältere Generation statt. Eine Beteiligung der jungen Mediziner ist wünschenswert, wird aber beispielsweise durch fünfjährige Wahlzyklen in den Ärztekammern erschwert. Bis man gelernt hat, wie die Kammern arbeiten und dass man sich dort engagieren kann, ist die Weiterbildung schon vorbei. Die Ärztekammern müssen transparenter arbeiten und aktiver auf die jungen Ärzte zugehen.

Dr. Next: Gibt es denn genügend junge Ärzte, die sich überhaupt politisch engagieren wollen?

Bitzinger: Es ist natürlich nur ein kleiner Teil der Ärzte, der das möchte. Wenn man Aufmerksamkeit für politisches ärztliches Engagement schafft, findet sich dieser Teil aber auch. Schon ein Zeitungsartikel über einen jungen Arzt, der sich zu Arbeitsbedingungen äußert, kann motivierend genug für andere sein. Allerdings fehlt vielen jungen Ärzten die Kraft, sich neben dem Job auch noch politisch zu engagieren.

Dr. Next: Welche Rolle spielen Vorbilder für Ihre Generation?

Bitzinger: Ich finde, ohne Vorbilder geht es in der Medizin nicht. Auf meiner Station gibt es direkt einige Oberärzte, deren Umgang mit Patienten ich bewundere – das sind gewissermaßen Vorbilder für mich. An anderen Stellen fehlen sie.

Dr. Next: Zum Beispiel wo?

Bitzinger: In der universitären Karrierelaufbahn, dort fehlen vor allem weibliche Vorbilder. Denn viele Frauen brechen ihre Karriere nach der Habilitation oder schon früher ab und konzentrieren sich auf ihre Familie und Kinder – dann geht es natürlich an der Uni nicht weiter. Ich hoffe, dass zukünftige Arbeitsmodelle es auch Frauen mit Kindern erlauben, die Laufbahn an der Universität bis zum Ende zu gehen.

Dr. Next: Würden sich mehr Frauen für eine solche Karriere entscheiden, wenn sie entsprechende Vorbilder hätten?

Bitzinger: Ja, mit Sicherheit. Durch entsprechende Vorbilder und optimierte Rahmenbedingungen lassen sich mehr Frauen für eine universitäre Karrierelaufbahn begeistern.

Dr. med. Anja Bittner ist Geschäfsführerin der Dr. Next GmbH. Sie hat Humanmedizin studiert und im Gebiet der medizinischen Ausbildungsforschung promoviert. Mehr erfahren…

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