Dr. med. Frank Hoffmann (Foto: Amac Garbe)

»Der Arztberuf bietet die Chance, zum Sinn des eigenen Lebens zu werden.«

Frank Hoffmann im Interview mit Dr. Next

Frank Hoffmann empfängt uns im Seminarraum seines Sozialunternehmens Discovering Hands. Hier, wo wir gleich über die Zukunft des Arztberufs sprechen, bildet der Gynäkologe normalerweise sehbehinderte Frauen zu Medizinischen Tastuntersucherinnen aus – ein Berufsbild, das er selbst entwickelt hat: Aufgrund ihres feinen Tastsinns können die Frauen Veränderungen in der Brust besser erfühlen als die meisten Mediziner. Schnell erkennt man: Hier denkt ein Arzt über den Tellerrand hinaus.

Interview: Anja Bittner
Fotos: Amac Garbe
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Dr. Next: Was wird den Arzt der Zukunft ausmachen?

Dr. med. Frank Hoffmann (Foto: Amac Garbe)

Dr. med. Frank Hoffmann ist seit 1993 niedergelassener Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Er hatte 2006 die Idee zum heute vielfach ausgezeichneten Sozialunternehmen Discovering Hands, in dem blinde und sehbehinderte Menschen als Medizinische Tastuntersucherinnen zur Früherkennung von Brustkrebs beitragen. Seit 2010 ist Frank Hoffmann Ashoka-Fellow und zählt zu den führenden sozialen Gründern.

Hoffmann: Früher wurde man ein guter Arzt aufgrund seiner Ausbildung, weil man gute Professoren gehört hatte. Das steht heute nicht mehr im Vordergrund, denn Fachwissen ist für Ärzte jederzeit digital abrufbar. Ich habe keine Fachzeitschriften mehr abonniert, bessere Antworten bekomme ich im Internet. Eine größere Bedeutung hat zukünftig, wie gut man Wissen am Patienten anwenden kann. Nach 25 Jahren ärztlicher Berufserfahrung bin ich außerdem überzeugt, dass es zunehmend auf menschennahe Eigenschaften ankommt. Losgelöst von Digitalisierung und neuen Zugängen zu Gesundheitsversorgung: Medizin ist eben mehr als sachbezogene Diagnostik; das kann ein Algorithmus besser. Es geht um Menschlichkeit und darum, Patienten dort abzuholen, wo sie gerade stehen. Und um adäquate Antworten. Zugespitzt formuliert: Es geht um das, was aus einem Mediziner einen Arzt macht.

Frank Hoffmann

Es geht um das, was aus einem Mediziner einen Arzt macht.

Dr. Next: Was macht den Unterschied zwischen einem Mediziner und einem Arzt aus?

Hoffmann: Es geht einerseits um Wissenschaft, Diagnostik und Therapie. Auf der anderen Seite geht es um die Einbeziehung des Menschen. Reine Mediziner gibt es wohl nicht. Dennoch wird in meinen Augen bisher unzureichend vermittelt, dass man für Patienten auch Bauchgefühl braucht. Dieses Bauchgefühl macht am Ende den Unterschied.

Dr. Next: Werden Ärzte in 20 Jahren mehr Bauchgefühl brauchen?

Hoffmann: Ja, in vielen Bereichen. Wir haben eine lange Zeit hinter uns, in der Wissenschaft und Analytik im Vordergrund der Medizin standen.

Dr. Next: Technologisierung und Digitalisierung betonen diese Aspekte auch weiterhin.

Hoffmann: Aber die wirklich großen Antworten der Medizin sind schon gegeben. Unser Berufsfeld wird sich wieder mehr auf den menschlichen Teil der Medizin beziehen. In der Gynäkologie ist das schon seit den Siebzigerjahren ein großes Thema. Ich finde das persönlich sehr gut.

Dr. Next: Was macht diese Entwicklung mit dem Rollenbild eines Arztes?

Hoffmann: Mein Großvater war auch Gynäkologe, einer dieser Halbgötter in Weiß. Das Rollenbild ist bei den heutigen Ärzten anders. Es hat sich schon bei meinem Vater gewandelt, der bis in die Achtzigerjahre als Internist tätig war. Ärzte treten inzwischen als Dienstleister auf und werden von Patienten anhand der Qualität bewertet, die sie im Kontakt mit ihnen abliefern.

Dr. Next: Auch Ihr Sohn studiert Medizin. Welches Rollenverständnis wird er wohl von seinem Beruf haben?

Hoffmann: Er wird sich Rahmenbedingungen genauer ansehen, als frühere Generationen das taten. Wie für viele seiner Kommilitonen verliert auch für ihn die mit dem Arztberuf eng verknüpfte Freiberuflichkeit zugunsten neuer Arbeitsmodelle massiv an Bedeutung.

Frank Hoffmann

Eine große Frage ist, unter welchen Rahmenbedingungen Ärzte perspektivisch überhaupt noch tätig werden.

Dr. Next: Es wird weniger selbstständig tätige Ärzte geben, das zeigt auch der Blick auf die aktuelle Ärztestatistik.

Hoffmann: Niedergelassene Ärzte werden unser Land in Zukunft nur noch unzureichend versorgen können. Betreiber großer Medizinischer Versorgungszentren können viel kosteneffizienter agieren und werden den Markt wie auch im stationären Bereich übernehmen. Eine große Frage ist also, unter welchen Rahmenbedingungen Ärzte perspektivisch überhaupt noch tätig werden. Das bisherige Konzept der Niederlassung geht nicht mehr auf. Und mir gefällt es nicht, dass die Freiberuflichkeit verlorengeht und in ein betriebswirtschaftlich geprägtes System gesteckt wird.

Dr. Next: Auch der freiberuflich tätige Arzt möchte doch genügend Geld für ein gutes Leben verdienen.

Hoffmann: Richtig. Früher ging das sogar ohne besondere betriebswirtschaftliche Kenntnisse, aber das hat sich geändert. Jetzt muss man individuelle Gesundheitsleistungen anbieten und Zeitbudgets planen, um zurechtzukommen. Das ist schon sehr fragwürdig. Ideal wäre, freiberuflich tätig zu sein und nach tatsächlich erbrachten Leistungen vergütet zu werden.

Dr. Next: Bei jungen Ärzten geht der Trend oftmals zum Angestelltenverhältnis. Ein sicheres Einkommen und geregeltere Arbeitszeiten als in der Selbstständigkeit sind attraktiv, oder nicht?

Hoffmann: Freiberufliche Arbeit und ein solides Gehalt in Einklang zu bringen mit Freiraum für Familie und Hobbys ist eine Herausforderung. Ob aber ein Arzt, der nach seinem Dienst den Kittel fallen lässt und sich auf sein eigenes Leben fokussiert, zufriedener ist – das wage ich auch zu bezweifeln. Vor allem wenn man lebensbegleitende Medizin macht, zum Beispiel als Allgemeinmediziner, braucht man eine andere Grundhaltung.

Dr. Next: Im Umkehrschluss: Macht lebensbegleitende Medizin glücklich?

Hoffmann: Zufrieden mit seinem Leben wird man als Arzt, wenn Patienten positive Rückmeldungen geben. Für viele Mediziner ist das so wertvoll, dass sie bereit sind, andere persönliche Befindlichkeiten in den Hintergrund zu rücken. Der Arztberuf bietet die großartige Chance, die eigene Arbeit zum Inhalt und Sinn des eigenen Lebens zu machen.

Frank Hoffmann im Gespräch mit Anja Bittner (Foto: Amac Garbe)

Frank Hoffmann im Gespräch mit Anja Bittner

Dr. Next: Mit Blick auf das Auswahlverfahren für Medizinstudierende: Wie findet man diejenigen, die den Arztberuf zum Sinn ihres Lebens machen wollen?

Hoffmann: Die Abiturnote soll für die Vergabe von Medizinstudienplätzen künftig zum Glück eine geringere Rolle spielen. Denn wir brauchen vorwiegend junge Menschen mit ausgeprägter sozialer Kompetenz, der richtigen Haltung – nennen wir sie überspitzt eine Haltung des Dienens – und der Bereitschaft, anderen zuliebe eigene Bedürfnisse zurückzustellen. Daher sollte man alle Studienbewerber in ein halbjähriges Pflegepraktikum schicken, und anschließend auch die betreuten Patienten befragen.

Dr. Next: Die Patienten sollen mitentscheiden, wer Arzt wird?

Hoffmann: Sie können zumindest Hinweise geben. Genauso wie das Team, in welches der Pflegepraktikant integriert ist.

Frank Hoffmann

Ärzte gestalten ihr berufliches Umfeld nicht ausreichend mit.

Dr. Next: Neben dem Auswahlprozess sind die medizinische Aus- und Weiterbildung entscheidend dafür, welches berufliche Selbstverständnis Ärzte entwickeln. Wie kann das bestehende System zukunftsfähig werden?

Hoffmann: Ärzte gestalten ihr berufliches Umfeld nicht ausreichend mit. Sie empfinden zu wenig Verantwortung dafür, bestehende Prozesse zu optimieren. Vielleicht fehlen aber auch die notwendigen Freiheitsgrade. Deshalb sollte man Ärzten die Fähigkeit antrainieren, den Arbeitsalltag kritisch zu hinterfragen. In der Industrie finden sich gute Vorbilder für modernes Innovationsmanagement.

Dr. Next: Liegt es denn im Aufgabenbereich der Ärzte, Arbeitsumfeld und -prozesse zu optimieren?

Hoffmann: Es obliegt dem Arzt, in der Behandlung eines Patienten das große Ganze im Blick zu haben. Daher muss die Verantwortung zur Gestaltung eines Umfeldes, das diesen Blick erlaubt, wieder von Ärzten übernommen werden.

Frank Hoffmann

Wir brauchen daher Rahmenbedingungen, unter denen man sich selbst hinterfragen und zu einem guten Arzt entwickeln kann.

Dr. Next: Welche Rolle spielen ärztliche Vorbilder in diesem Prozess?

Hoffmann: Was mir in meiner Ausbildung vorgelebt wurde, habe ich als sehr prägend empfunden. Wenige Menschen sind damals für mich sogar zu Vorbildern geworden, an denen ich mich bis heute ausrichte. Dieses Vorbild-Modell ist vielleicht etwas altmodisch, aber es ist nicht verkehrt. Gerade, wenn es um menschliche Werte und daraus resultierende Werteraster geht. Allerdings kann man Vorbilder nicht ausbilden oder erschaffen. Wir brauchen daher Rahmenbedingungen, unter denen man sich selbst hinterfragen und zu einem guten Arzt entwickeln kann.

Dr. Next: Welche Rahmenbedingungen sind das?

Hoffmann: Mir hat zum einen sehr geholfen, mich früh in meiner Fachgesellschaft zu engagieren, Jahrestagungen zu besuchen und mich mit Kollegen auszutauschen, um schwierige Fälle zu besprechen. Zum anderen geht es aber darum, sich selbst in seiner Persönlichkeit zu hinterfragen und sich über die Medizin hinaus zu bilden, an sich zu arbeiten. Das muss aber individuell passieren, denn jeder Arzt hat höchst unterschiedliche Voraussetzungen. Diese Individualität lässt sich leider nicht in einem medizinischen Lehr- oder Fortbildungsplan abbilden – aber dort könnte man zumindest Denkanstöße liefern.

Dr. Next: Ärzte lassen sich also nicht in ein Ausbildungsraster pressen?

Hoffmann: Man kann in der Arbeit an und mit Menschen kein perfektes Rad im Getriebe sein, indem man nur Qualitätsstandards erfüllt. Deshalb muss jeder Arzt eigenverantwortlich an seiner Rolle arbeiten, und dabei viele selbstreflektierende Prozesse durchlaufen. Am Ende sitzen sich zwei Menschen – Arzt und Patient – gegenüber. Und das Ergebnis hängt davon ab, was jeder Einzelne bereit ist, von sich in den Prozess hineinzugeben.

Dr. med. Anja Bittner ist Geschäfsführerin der Dr. Next GmbH. Sie hat Humanmedizin studiert und im Gebiet der medizinischen Ausbildungsforschung promoviert. Mehr erfahren…

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