Dr. med. Marzellus Hofmann, MME (Foto: Amac Garbe)

»Angehende Ärzte sollen zu Menschen werden, die bereit sind, das System zu verändern.«

Marzellus Hofmann im Interview mit Dr. Next

Die Universität Witten/Herdecke steht für eine innovative und patientennahe medizinische Ausbildung. Nur 42 Studierende werden pro Semester an Deutschlands kleinster medizinischer Fakultät zugelassen. Marzellus Hofmann begrüßt uns im Foyer der Uni, das gleichzeitig Veranstaltungsort, Treffpunkt und Cafeteria ist. In seinem Büro erzählt uns der Prodekan für Lehre, wie die medizinische Ausbildung auf den Arztberuf von morgen vorbereitet. Querdenken hört hier beim Raumkonzept nicht auf.

Interview: Anja Bittner
Fotos: Amac Garbe
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Dr. Next: Welche drei Eigenschaften machen heute einen guten Arzt aus?

Dr. med. Marzellus Hofmann, MME (Foto: Amac Garbe)

Dr. med. Marzellus Hofmann, MME (Bern) ist als Prodekan Lehre an der Universität Witten/Herdecke zuständig für die Planung, Weiterentwicklung und Evaluation des Modellstudiengangs Medizin. Er ist Mitglied im Bündnis Lehren der Töpfer Stiftung.

Hofmann: Ich weiß gar nicht, ob ich mich da auf drei beschränken kann. In Zusammenhang mit der Ausbildung sind das Ideenfähigkeit, Urteilskraft und Gestaltungswille. Und in Bezug auf den ärztlichen Beruf stehen Kommunikationsfähigkeiten, Empathie und Problemlösefähigkeiten im Vordergrund. Es braucht eine Begeisterung für den Beruf, Teamfähigkeit und ein Wertegefüge, das uns in die Lage versetzt, so einen Beruf auch langfristig durchzuführen.

Dr. Next: Können Sie dieses Wertegefüge genauer beschreiben?

Hofmann: Darin spielt die Reflexionsfähigkeit eine zentrale Rolle. Wenn ich bereit bin, lebenslang zu lernen und mich selbst zu hinterfragen, dann kann ich immer wieder neu an Sachen herangehen. So bleibt man beweglich und lebendig in der Sache.

Marzellus Hofmann

Wenn man Studierende fragt, wann sie zum ersten Mal das Gefühl hatten, ein Arzt oder eine Ärztin zu sein, dann ist das oft verbunden mit dem Gefühl, Verantwortung übernommen zu haben.

Dr. Next: Sie bilden an der Uni Witten/Herdecke jedes Semester 42 Studierende aus. Woran merken Sie, dass aus ihnen Ärzte werden?

Hofmann: Bei uns ist die Persönlichkeitsentwicklung extrem wichtig – dass man sich eben nicht nur zur Durchführung des Berufs fachlich aus- und weiterbildet, sondern dass man sich in der Entwicklung auch selbst mitnimmt. Wenn man Studierende fragt, wann Sie zum ersten Mal das Gefühl hatten, ein Arzt oder eine Ärztin zu sein, dann ist das oft verbunden mit dem Gefühl, Verantwortung übernommen zu haben.

Dr. Next: Die Vermittlung von Fachwissen ist also nur die halbe Miete?

Hofmann: Experten schätzen, dass sich das medizinische Wissen im Jahr 2020 etwa alle 72 Tage verdoppeln wird. Das heißt, ein Mediziner weiß am Ende seiner Ausbildung etwa sechs Prozent des zur Verfügung stehenden medizinischen Wissens und muss permanent dranbleiben, um das erhalten zu können. Aber Wissen ist überall verfügbar. Es kann nicht mehr das Ziel sein, vorrangig Wissen zu vermitteln – es geht um die Einordnung, um den Bedeutungs- und Anwendungskontext des Wissens.

Dr. Next: Müssen Patienten davor Angst haben, dass ihre Ärzte zukünftig nur noch ungenügend aktuelles Fachwissen haben?

Hofmann: Nein, aber: Wenn man Patienten befragt, was sie vom Arzt erwarten, dann ist das vor allem Zeit, eine klare und verständliche Kommunikation, Respekt vor der Autonomie des Patienten und Empathie. Es sind immer Aspekte, die eine professionelle Persönlichkeitsentwicklung voraussetzen, und nicht nur auf die fachliche Seite abzielen.

Dr. Next: Empathie ist wichtig. Aber können Menschen diese Fähigkeit in einem Beruf mit einer so hohen Belastung bewahren?

Hofmann: Wir haben an der UW/H 2014 eine große Empathie-Studie gemacht. Da gab es keinen Zusammenhang zwischen Belastung und Empathie. Aber spannend fanden wir, was die Studierenden als belastend erlebt haben. Das waren nicht das Studium oder der Umgang mit sterbenden oder chronisch kranken Patienten. Was die Studierenden in ihren Praxisblöcken als extrem belastend erlebt haben, war zynisches Verhalten von Ärztinnen und Ärzten, ökonomisches Durchschleusen von Patienten und die fehlende Zusammenarbeit in Gesundheitsteams.

Dr. Next: Ärzte müssen also zukünftig besser zusammenarbeiten?

Hofmann: Man muss von vornherein in Teamstrukturen denken und handeln lernen. Und diese Erfahrung und diesen Übungsraum braucht es schon im Studium. Das trifft im übertragenen Sinn auch auf die allgemeinmedizinische Versorgung zum Beispiel in ländlichen Regionen zu. Wenn im Studium nicht erfahrbar wird, was es bedeutet, ambulante Gesundheitsversorgung zu praktizieren, dann können die Studierenden auch nicht entscheiden: »Will ich das später einmal machen? Brenne ich vielleicht dafür?« Und mit der Teamfähigkeit ist es eben auch so. Man muss das einfach über einen längeren Zeitraum üben: Kommunikation mit Pflegekräften, mit Physiotherapeuten, mit Ergotherapeuten, und so weiter.

Dr. Next: Sie sprachen vorhin über professionelle Persönlichkeitsentwicklung. Ist das auch etwas, das im Studium ermöglicht werden sollte?

Hofmann: Ja, aber Persönlichkeitsentwicklung ist ein Prozess, der nicht endet. Gerade bei der Persönlichkeitsentwicklung stellen wir das immer wieder fest: Es reicht nicht, zu diesem Thema Unterrichtsveranstaltungen anzubieten und zu sagen: »Jetzt habe ich das und mache einen Haken dahinter.« Die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit erprobt sich an der Umsetzung und am Leben. Und da muss man dranbleiben.

Marzellus Hofmann

Wir brauchen Change Agents: Angehende Ärzte sollen zu Menschen werden, die bereit sind, das System zu verändern.

Dr. Next: Und ist denn das, was die Studierenden hier in ihrer Ausbildung lernen, in jeder Klinik umsetzbar?

Hofmann: Nein, das glaube ich tatsächlich nicht. Deswegen fokussieren wir in unserem neuen Modellstudiengang darauf, die Veränderungen des Gesundheitswesens erlebbar zu machen. Wir können uns nicht mehr nur um die medizinische Ausbildung kümmern. Wir brauchen Change Agents: Angehende Ärzte sollen zu Menschen werden, die bereit sind, das System zu verändern.

Dr. Next: Wie gelingt Ihnen das?

Hofmann: Die Studierenden sollen sich zukünftig zum einen mit den aktuellen Versorgungsstrukturen und den Akteuren im Gesundheitswesen auseinandersetzen. Dann gehen sie ins Feld, das heißt sie schauen sich Best-Practice-Beispiele an. Am Schluss kommen alle zusammen und diskutieren darüber, wie für sie die Gesundheitsversorgung der Zukunft aussieht. Denn das ist ja auch so ein Punkt: Wir Lehrenden prägen nicht die Zukunft, sondern die, die jetzt in die Universitäten kommen.

Anja Bittner im Gespräch mit Marzellus Hofmann (Foto: Amac Garbe)

Anja Bittner im Gespräch mit Marzellus Hofmann

Dr. Next: Was glauben Sie persönlich denn, wie die Gesundheitsversorgung in 20 Jahren aussehen wird?

Hofmann: In 20 Jahren wird insbesondere die Digitalisierung die Medizin fundamental verändert haben. Es wird nicht darum gehen, ob wir das wollen oder nicht, sondern ob wir diesen Prozess aktiv mitgestalten oder uns überrollen lassen. In diesem Zusammenhang wird es von zentraler Bedeutung sein, die Entwicklungen nicht rein an der technischen Machbarkeit, sondern an der Bedeutung für den Menschen auszurichten. Das heißt, die Medizin sollte das Ziel bestimmen und die Sinnhaftigkeit der Digitalisierung je nach Anwendungsbereich neu bewerten.

Dr. Next: Wie wird die Veränderung der Gesundheitsversorgung durch Digitalisierung aussehen, welche Rolle spielt die Entwicklung des Arztberufs dabei?

Hofmann: Mittlerweile geht man davon aus, dass in fünf bis sechs Jahren die klassische Radiologie als Facharztqualifikation so nicht mehr existieren wird. Die Befundung von MRT-, Röntgen- oder CT-Bildern kann natürlich von einem intelligenten Rechner viel besser erledigt werden. Wenn ich im Nachtdienst die Wahl hätte, ob mein CT-Bild von übermüdeten Assistenzärzten beurteilt wird oder von einem Großrechner, der fünf Millionen Bilder abgleicht, dann wäre meine Antwort relativ eindeutig. Trotzdem wird es natürlich eine Herausforderung sein, die Befunde, die dabei entstehen, einzuordnen und einzubeziehen in die Behandlung des Patienten. Digitalisierung hat extrem viele Vorteile. Ich glaube nur, wir müssen Herr der Lage bleiben, indem wir überlegen, was wir wollen und was wir nicht wollen.

Dr. Next: Sie plädieren also dafür, dass Ärzte sich stärker in den Prozess der Digitalisierung einmischen?

Hofmann: Ja. Momentan ist die Wirtschaft der Treiber für die Digitalisierung. Das sind immens große Absatzmärkte und die Entwicklung geht so schnell vonstatten, dass wir gar nicht mehr den Fuß in die Tür kriegen. Deswegen ist es absolut erforderlich, dass sich auch Medizinstudiengänge mit dem Thema Digitalisierung intensiv auseinandersetzen – wir wollen das im neuen Modellstudiengang mit einem inte­grierten Track zur Digitalisierung im Gesundheitswesen im regulären Studium tun.

Dr. Next: Was ist denn mit den bereits ausgebildeten Ärzten, sind die verloren für die Medizin der Zukunft?

Hofmann: Nein. Man macht ja viele Erfahrungen in der Praxis, und viele Hinweise darauf, wie Ausbildung eigentlich verändert werden müsste, kommen ja gerade von Leuten, die ein klassisches System durchlaufen haben und den Konflikt in der beruflichen Praxis viel stärker und viel ausgeprägter erleben. Das ist wichtig, weil es eine gewisse Lautstärke der Signale braucht, um eine Veränderung herbeizuführen.

Marzellus Hofmann

Adorno hat das einmal als ethische Gewalt bezeichnet, was Ärztinnen und Ärzte sehr oft aus ihrem Alltag beschreiben.

Dr. Next: Sie meinen den Konflikt zwischen den eigenen Werten und der Realität?

Hofmann: Adorno hat das einmal als ethische Gewalt bezeichnet, was Ärztinnen und Ärzte sehr oft aus ihrem Alltag beschreiben. Die arbeiten permanent in einer Situation, wo sie eigentlich einen Patienten noch einen Tag länger dabehalten würden, noch eine Untersuchung machen würden, noch etwas anderes ausprobieren möchten. Die Umstände in einem zunehmend ökonomisierten Gesundheitssystem erlauben das nicht. Es ist der innere Konflikt zwischen den Idealen des Hippokratischen Eides und der täglichen Versorgungsrealität. Das sind permanente Konfliktsituationen, und das können viele auf Dauer nicht kompensieren.

Dr. Next: Lassen Sie uns noch auf das Rollenbild von Ärzten schauen. Was wird das neue Rollenbild sein, das Ärzte in Zukunft einnehmen?

Hofmann: Das wird sehr vielfältig sein, und die Rollen werden schnell wechseln. Ich glaube, dass es im Kern ein partnerschaftliches Verhältnis zwischen Arzt und Patient geben wird. Als Arzt werde ich zu einer Person, die an der Seite des Patienten steht und ihn berät, aber auch Offenheit mitbringt und akzeptiert, dass die Autonomie des Patienten erhalten bleibt.

Dr. Next: Welche Rollen werden andere medizinische Berufsgruppen spielen?

Hofmann: Auch da muss ein Stück weit die »Vorgaben-Mentalität« fallen. Man sollte einfach ausprobieren, was gut funktioniert. Ich glaube, wir müssen uns insbesondere aus ärztlicher Sicht beweglich zeigen und mit den anderen Gesundheitsprofessionen noch integrativer zusammenarbeiten. Wenn man Interprofessionalität wirklich übt und lebt, dann entsteht ein echter Mehrwert für Patientinnen und Patienten und mehr Zufriedenheit bei den versorgenden Teams.

Marzellus Hofmann

Wir arbeiten in diesem System, und wenn wir den Eindruck haben, das ist so nicht für den Patienten und für die darin Beschäftigten zuträglich, dann muss da was passieren.

Dr. Next: Also wird es Zeit für ein Umdenken in der Medizin?

Hofmann: Ich finde, die Medizin ist in weiten Teilen immer noch sehr konservativ. Da gibt es unausgesprochene Denk- und Handlungsverbote – gerade in Bezug auf die Frage, ob wir nicht die Gestaltung des Gesundheitswesens selbst in die Hand nehmen können. Da wird gesagt: »Nein nein, da seid ihr gar nicht kompetent. Da seid ihr gar nicht zuständig.« Aber doch, wir arbeiten in diesem System, und wenn wir den Eindruck haben, das ist so nicht für den Patienten und für die darin Beschäftigten zuträglich, dann muss da was passieren. In den USA ist man viel schneller bereit, Dinge zu verändern. Und wenn festgestellt wird, dass eine Veränderung in die falsche Richtung geht, wird sie wieder rückgängig gemacht. Das wird nicht so lange durch die Instanzen geschleust, bis am Schluss von einer Riesenreform ein Reförmchen übrigbleibt. So einen etwas jugendlicheren Ansatz in den Bereich Gesundheit und Gesundheitsversorgung zu übernehmen, würde uns sehr gut tun.

Dr. med. Anja Bittner ist Geschäfsführerin der Dr. Next GmbH. Sie hat Humanmedizin studiert und im Gebiet der medizinischen Ausbildungsforschung promoviert. Mehr erfahren…

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